Aktuelle Predigt

An dieser Stelle finden Sie die aktuelle Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir auswärtige Prediger nicht um die Veröffentlichung ihrer Predigten bitten.

In der Tat ist die Freiheit - Predigtreihe Dietrich Bonhoeffer in Corona-Zeiten

 

Dietrich Bonhoeffer wurde am Morgen des 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg am Galgen ermordet. Ein Standgericht der SS hatte am Vortag auf Hitlers ausdrücklichen Willen hin das Urteil gesprochen, das (erst) am 6. August 1996 vom Landgericht Berlin aufgehoben wurde. Der Versuch, Bonhoeffer den Rest seiner Würde zu rauben, (er musste nackt an den Galgen treten) ist dem Zeugnis des SS Lagerarztes[1] zufolge an Bonhoeffers Glaube gescheitert.

 

Der Theologe Bonhoeffer ließ sich durch seine für ein Deutschland nach dem Kriege wertvollen Auslandskontakte zum Anschluss an die Widerstandsbewegung gegen Hitler überzeugen. Ein großer Teil seiner Familie war hier eingebunden. In den zwei Jahren Haft schrieb Bonhoeffer enorm viele Briefe, und er entwarf manchen Gedanken für eine Theologische Schrift. Schon vor dem Krieg und noch, als über ihn ein Rede-, Schreib- und Lehrverbot verhängt wurde, war Bonhoeffer in der Ausbildung junger Theologen engagagiert. Für das Nachkriegsdeutschland wurde Bonhoeffer ein wichtiger Impulsgeber, lebend hätte er sicher eine noch größere Wirkung entfaltet. In der Ökumene wird Bonhoeffer als Märtyrer respektiert.

 

Auf den Folgeseiten finden Sie drei Beiträge in Anlehnung zu Dietrich Bonhoeffer:

 

 

Von der Dummheit[2]: Predigt am 15. März 2020 in der Stadtkirche Murrhardt

Pfarrer Dr. Hans Joachim Stein, Klosterhof 10, 71540 Murrhardt, 07192 931970

 

1933 – in Deutschland ergreift Adolf Hitler die Macht. Zehn Jahre danach zieht Dietrich Bonhoeffer Bilanz. Die Bilanz ist zugleich eine Art Rechenschaftsbericht. Bonhoeffer legt darüber Rechenschaft ab, wie sein Weg in den gewaltsamen Widerstand gegen das NS-Regime führen konnte.

Ein Abschnitt aus dieser Bilanz hat mich besonders angesprochen. Er hat mich überrascht, aufgerüttelt, nachdenklich gemacht. Bonhoeffer schreibt hier von – der Dummheit. Nicht von der Bosheit schreibt Bonhoeffer, was ich eher vermutet hätte, sondern von der Dummheit. Dummheit ist in seinen Augen sogar viel gefährlicher als Bosheit. Ich lese Auszüge aus seinem Text. Sie können sie mitlesen. Bonhoeffer schreibt:

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, … Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden … Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden … Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos … Die Dummheit ist nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind … Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, dass die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als dass unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, dass abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende Menschen und Menschengruppen … Der Vorgang ist dabei nicht der, dass bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern dass … dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Missbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können. Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, dass nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte … Das Wort der Bibel, dass die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, dass die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.

Dummheit ist für Bonhoeffer kein intellektueller, sondern ein menschlicher Mangel. Dummheit hat nichts mit Schulnoten zu tun. Den Dummen erkennen wir nicht am schlechten Zeugnis. Umgekehrt gilt: Auch die Klugheit hat nichts mit Schulnoten zu tun. Auch den Klugen erkennen wir nicht am Zeugnis. Ein Hochschullehrer kann viel Wissen haben und trotzdem dumm sein. Ein Müllarbeiter kann die Schule ohne Abschluss verlassen haben und trotzdem klug sein.

Dummheit ist für Bonhoeffer keine Frage der Schulbildung, sondern – ich sage es einmal so – der Herzensbildung. Was meine ich damit? Der Kluge hat eine innere Mitte, aus der heraus er lebt. Der Dumme nicht. Der Kluge hat einen inneren Kompass, der ihm Orientierung gibt. Der Dumme nicht. Der Kluge ist innerlich selbständig – er denkt selbständig, er äußert seine Meinung selbständig, er handelt selbständig. Der Dumme nicht. Der Dumme macht sich abhängig. Von der öffentlichen Meinung, vom Zeitgeist, von Gruppen. Der Kluge ist eine in sich selbst ruhende und gefestigte Persönlichkeit. Der Dumme nicht. Er schwankt und lässt sich treiben.

Dummheit breitet sich also vor allem da aus, wo Menschen ihre innere Eigenständigkeit aufgeben. Wo sie sich in einer Gruppe verstecken, nicht selber denken, sondern die Gruppe denken lassen, sich nicht selber eine Meinung bilden, sondern die Gruppenmeinung nachplappern.

Bonhoeffer hat im Dritten Reich genau das erfahren. Ein ganzes Volk hat sich von einem charismatisch auftretenden Führer verblenden lassen. Bauern und Professoren, Pfarrer und Fabrikarbeiter, Großeltern und Kinder – alle haben mitgemacht. Sie haben einer Rassenlehre Glauben geschenkt, die jedem gesunden Menschenverstand widerspricht. Sie haben einem Führer zugejubelt, der bereit war, alle in den Untergang zu führen. Sie haben bemerkt, dass ihre jüdischen Nachbarn verschwanden, aber sich geweigert, hinzuschauen oder nachzufragen. Eine große Masse hat sich dumm machen lassen.

Ich glaube, dass Bonhoeffer damit etwas sehr Grundsätzliches erkannt hat. Die Dummheit ist nicht nur ein geschichtlich vergangenes Problem. Die Dummheit auch heute noch ein Problem. Sie ist heute aber anders als früher nicht so sehr auf den Straßen und Plätzen unterwegs, sondern vor allem im Internet. Facebook, YouTube, WhatsApp und wie sie alle heißen – sie sorgen für eine massenweise Ausbreitung der Dummheit. Da werden Fakten verdreht und Verschwörungstheorien verbreitet. Und die Klugen stehen hilflos davor und reden sich den Mund fusselig. Doch wie Bonhoeffer schon erkannt hat: Mit Argumenten ist nichts mehr zu machen, so sehr sind die Dummen gefangen in ihrer Blase.

Ich glaube, auch die Panik um das Corona-Virus wäre unterblieben, wenn sie sich nicht über die Medien und sozialen Netzwerke hochgeschaukelt hätte. Das Radio bringt die Todeszahlen im Halbstundentakt. Wer nicht ausschalten kann, wird verrückt, noch bevor er das Virus bekommt. Und natürlich kursiert jede Menge Halbwissen oder Esoterik: Wie der Antisemitismusbeauftragte Baden-Württembergs Michael Blume im Deutschlandfunk erzählte, kursiert sogar schon das Gerücht, dass die Juden das Virus in die Welt gesetzt hätten. Natürlich, die Juden sind wieder einmal an allem schuld.

Wie kommen wir der Dummheit bei? Bonhoeffer glaubt nicht an eine Bildungsoffensive. Bonhoeffer glaubt, dass keine Belehrung oder Aufklärung Abhilfe schaffen kann. Bonhoeffer glaubt nur an einen Akt der Befreiung. Er zitiert einen Satz aus der Bibel: „Die Furcht Gottes ist der Anfang der Weisheit.“ Die Klugheit beginnt nicht mit klugen Einsichten, sondern mit der Furcht Gottes. Was heißt das? Wer Gott fürchtet, der schaut auf Gott. Der schaut nicht auf die anderen, der schaut auf Gott. Der wendet sich ab von allen, die auf ihn einreden und ihn einlullen, und schaut auf Gott. Im Schauen auf Gott erkennen wir unsere Dummheit, unsere fatale Fehleinschätzung der Wirklichkeit. Und wir erkennen, wozu Gott uns berufen hat: zu einem verantwortlichen Leben.

Bonhoeffer führte die Gottesfurcht in den Widerstand gegen Hitler. Wohin führt sie uns? In den Widerstand gegen die Panik, in den Widerstand gegen die Smartphone-Epidemie, in den Widerstand gegen Falschmeldungen und Verschwörungstheorien. Lassen wir uns nicht länger für dumm verkaufen. Übernehmen wir Verantwortung. Lassen wir uns befreien zu einem verantwortlichen Leben vor Gott.

Amen.

 

 

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„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“[3]

 Pfarrer Steffen Kaltenbach, Blumenstraße 9, 71540 Fornsbach, 07192 5257

 

 

Dietrich Bonhoeffer: Christen und Heiden[4] (Juli 1944)

 

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.
Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.

 

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“ (WuE, BW8 560).

 

Liebe Gemeinde,

Dietrich Bonhoeffer soll uns auch in diese, uns ganz anders als ihn herausfordernde Zeit hinein etwas zu sagen haben. An seine Kirche, an die Verantwortlichen der Kirche hatte er oft gedacht in den Zeiten der Haft vom 5.4.1943 bis zu seinem Tod am Galgen am 9. April 1945. Und er dachte an junge Theologen, die er selbst in früheren Jahren in einem Predigerseminar der Bekennenden Kirche ausgebildet hatte, zuletzt unter konspirativen Bedingungen: Sowohl das Predigerseminar als auch sein eigenes Lehren und Schreiben waren verboten worden. Bonhoeffer macht sich Gedanken, wie es nach dem Krieg mit seiner Kirche weitergehen soll. An das Ende des Krieges denkt er längst. In die Widerstandsgruppe um Admiral Canaris hat er sich seiner Auslandbeziehungen wegen einbinden lassen, ein großer Teil seiner Familie steht unter Anklage. Wie Claus von Staufenberg denkt er nicht nur an den Tod des „Führers“, sondern auch an die Notwendigkeit, die Zeit nach Hitler zu gestalten.

 

So schreibt er im Gefängnis zahlreiche Briefe, die einen ganzen Band seiner Werke füllen werden: Unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ werden sie von seinem Freund Eberhard Bethge später veröffentlicht.

 

Widerstand und Ergebung: Schon dieses spannungsgeladene Wortpaar kann uns in Zeiten der Corona-Bedrohung Impulse geben.

 

Aber zuerst Bonhoeffer. Er schreibt im August 1944, also nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler und nach der ersten Hinrichtungswelle gegen die Widerstandsverantwortlichen in einem Brief an Bethge den Entwurf einer Schrift zur Kirche. Anknüpfen kann er dabei an das Thema seiner Doktorarbeit, die schon 17 Jahre zurückliegt: Sanctorum communio. Eine Untersuchung zur Soziologie der Kirche.

Jetzt aber, im Jahr 1944 wird es konkret: Bonhoeffer will mit einer Bestandsaufnahme starten. Wie stellt sich Kirche heute dar? Und wie der Mensch? Bonhoeffer sieht seine Mitmenschen als mündige Bürger, die das Leben absichern wollen gegen Schicksalsschläge von außen. Wo solche nicht verhindert werden können, suchen wir uns zu versichern, um die Folgen abzumildern, wenn uns etwas trifft. Im Kern will der Mensch sich unabhängig machen von der Natur, nicht durch die Kraft der Seele, wie Bonhoeffer es nennt, sondern durch die Organisation des Lebens. Doch am Ende machen wir uns zu Sklaven unserer selbst gewählten Organisation unseres Lebens. Der Mensch, auf sich selbst gestellt, sucht dann wieder Hilfe bei Gott, den er allerdings für überflüssig erklärt hat. Und jetzt tritt die Kirche auf den Plan:

Die einen suchen im Pietismus den Glauben als Religion zu erhalten, ein sich im Glauben aneinander klammern. Die Andern versuchen die Kirche als Heilsanstalt zu retten, als Hüterin von Wort und Sakrament. Die Bekennende Kirche sieht Bonhoeffer als Zeugin des sich zeigenden Gottes gegenüber der Welt, die Gott um einen Standpunkt bittet, von dem aus sie die Welt verändern kann. Man trete für die Sache ein, aber Jesus entschwinde aus dem Blick, der persönliche Christusglaube fehle. Die Kirche sei mit schweren, überkommenen Gedanken belastet. Sie befinde sich in der Selbstverteidigung, es fehlt am Wagnis für andere.

 

Dann kommt Bonhoeffer zu Christus, den er als Jesus von Nazareth für unseren Glauben stark machen will. Ein allgemeiner Gottesglaube ist oft nur die Verlängerung dessen, was wir denken können: Gottes Allmacht nennt er als Beispiel. Ganz anders sieht Bonhoeffer die Begegnung mit dem Christus Jesus. Bei Jesus wird alles menschliche Sein auf den Kopf gestellt, kehrt es sich um. Weil Jesus nur für andere da ist. Glaube ist nicht unser Weiterdenken von einem allgemeinen Begriff Gott her, sondern Glaube ist das Teilnehmen an Jesu Haltung, für andere da zu sein. In seinem Kommen in die Welt, in seinem Tod am Kreuz und in Jesu Auferstehung von den Toten zeigt sich Gott selbst. Und nicht anders. Bonhoeffer schreibt: „Unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im Dasein für andere“, in der Teilnahme am Sein Jesu.“ Jesus kann uns also ganz konkret zum Vorbild werden. Dieser Vorbildcharakter Jesu sei der Kirche fast ganz abhanden gekommen.

Aus der Begegnung mit dem konkreten Menschen Jesus entspringt das Christentum. Gott kommt in Menschengestalt, der „Mensch für andere“. Darum der Gekreuzigte.

 

Bonhoeffer erkennt in der innerkirchlichen Debatte alte, überholte Streitigkeiten um Traditionen, die wir heute vielleicht sogar als Spitzfindigkeiten, Wortklaubereien oder theologische Haarspalterei bezeichnen könnten.

Davon will er sich verabschieden. Kirche darf sich nicht mit sich selbst beschäftigen. Sie ist nur dann Kirche, wenn sie Kirche für andere ist. Wie Jesus der ist, der für andere da ist.

„Nicht in Organisationen, nicht in Dogmen, nicht in Liturgien, nicht in frommen Herzen wir die Einheit der Kirche bestehen, sondern im Wort, in der Stimme Christi.“

Kirche müsse deshalb bei sich selbst anfangen: Alles Vermögen den Armen schenken, Pfarrer müssen allein von Spenden oder von einem Zweitberuf leben. Kirche muss am weltlichen Zusammenleben teilnehmen, nicht von oben herab belehrend, sondern helfend und dienend. Kirche muss allen Menschen in allen Berufen sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt „für andere da zu sein“.

 

Liebe Gemeinde, sehr theoretisch kommt meine Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer vielleicht daher. Wir haben gestern die Goldene Konfirmation abgesagt, und dass wir heute noch Gottesdienst feiern, zusammen und unter einem Dach, ist schon eine Besonderheit. Die kommenden Wochen soll das gesamte öffentliche Leben pausieren. Die Gefahr zu vereinzeln steigt.

In der Schweiz wurde in der Neuen Zürcher Zeitung zu Wochenbeginn in einem Stammbaum dargestellt, wer sich von wem hat anstecken lassen. Die Botschaft: Das Virus kam über die Alpen. Frei übersetzt: Andere sich schuld. Sichern wir uns ab durch Abriegelung. Auf einer Bodenseeinsel war gestern in so genannten „sozialen Netzwerken“ von der Suche nach dem Namen und der Adresse des ersten dort infizierten Menschen zu lesen. Man will wissen, wo er wohnt, damit man ihm aus dem Weg gehen kann.

 

Wie sich das Coronavirus weiterverbreitet, wissen wir nicht. Wenn wir nichts tun, dann geht es so schnell, dass unsere Kliniken und Ärzte nicht mehr allen helfen können. Auch weil wir unser Gesundheitswesen seit Jahren kaputtsparen. Schon vor Corona waren zahlreiche Intensivbetten nicht mehr zu belegen, weil es an Pflegekräften fehlt.

 

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“. Weil Christus für andere da ist. Für die Leprakranken seiner Zeit wie für die Corona-infizierten Menschen heute.

 

Als Kirche dienend für die Welt da zu sein, kann heißen, dass wir nicht jetzt mit allen anderen den moralischen Zeigefinger des Pflegenotstands erheben, dass wir aber nach dem Abklingen der Krise dafür sorgen, dass es eine Wende auch in der Wertschätzung und in der Bezahlung der Pflege gibt.

 

Wir werden viel Geduld brauchen, Fachleute lassen mich schon an Weihnachten denken.

Was aus unseren Zusammenleben werden wird, haben wir in der Hand: Verantwortungsvoll die Ansteckungsgeschwindigkeit bremsen, indem wir auf einen Kontakt größter körperlicher Nähe verzichten. Das trifft vor allem alle Kranken und die jetzt schon einsamen Menschen. Deshalb müssen wir umso enger Zusammenstehen, mit einen Telefonanruf, einer alten Postkarte im Briefkasten des Nachbarn, einer körperlich distanzierteren, aber doch fühlbaren Nähe. Und wer weiß, vielleicht denken wir in diesen Zeiten auch mal an Menschen, die uns aus dem Blick geraten waren. Oder die ganz neu in unseren Blick kommen.

 

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“. Weil Jesus Christus für andere da ist, und sei es für uns selbst. Amen.

 

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Von guten Mächten[5]

Vikar Christian Schmitt, Spielhofstraße 4, 71540 Kirchenkirnberg, 07184 291049

 

 

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“

Dieser Satz mag sich in Zeiten der Krise naiv, floskelhaft und leer anhören, wie eine Vertröstung oder als wolle man sich etwas einreden, das nicht stimmt. „Wunderbar geborgen“? „Bedroht“, trifft es wohl eher, von einem unsichtbarer Feind, der uns scheinbar von allen Seiten umgibt. Straßen, Spielplätze, Parks sind leer. Gottesdienste fallen aus und Schulen sind geschlossen. Vor die Tür geht man nur noch, wenn es sein muss. Umarmungen, Hände schütteln, all das ist fragwürdig geworden. Und trifft man sich doch zufällig in einem Supermarkt, heißt es, mindestens eineinhalb Meter Abstand halten. Das was uns als Menschen ausmacht, nämlich unser soziales Wesen, wendet sich plötzlich gegen uns und wird uns gefährlich. Unser Instinkt rät uns in Gefahrensituation zusammenzurücken, Zuflucht in der Herde zu suchen, doch in diesen Zeiten müssen wir genau das Gegenteil tun. In ihrer Ansprache an die Nation, erklärt die Bundeskanzlerin die Corona-Pandemie zur größten Herausforderung für uns als Land, seit dem zweiten Weltkrieg.

Und genau aus dieser Zeit, aus der Zeit des zweiten Weltkriegs dringt dieses Satz am Anfang zu uns in die Gegenwart. Dieser Satz ist alles andere als flach, leer oder naiv. Er ist vor 75 Jahren gesprochen worden, von einem Mann, der seit zwei Jahren in Haft saß und kurz vor seinem Todesurteil stand. Dietrich Bonhoeffer. Er war seit Jahren isoliert von seinen Liebsten, hatte nur durch Briefe Kontakt mit ihnen. Er sehnte sich danach, sie alle wiederzusehen und mit ihnen Silvester zu feiern. Allerdings blieben diese Wünsche unerfüllt. Aus dieser verzweifelten Situation heraus verfasste Dietrich Bonhoeffer dieses berühmte Gedicht für seine Familie, um ihnen Mut zu machen. Dietrich Bonhoeffer ist für mich ein leuchtendes Zeugnis dafür, dass unser Glaube eben nicht leer und naiv ist, sondern dass in ihm Kraft steckt, ein Halt, eine Geborgenheit, die uns grade in Krisenzeiten tragen kann.

Und genau das ist jetzt wichtig. Auch wenn die Situation ernst ist, dürfen und können wir gelassen sein und einen ruhigen Kopf behalten, weil wir in allem getragen und gehalten sind von unserm Gott. Und er wird uns auch durch diese Situation führen, als Familie, als Gemeinde, als Land und als Weltenbürger. Gerade jetzt ist es wichtig Panik zu vermeiden und Ruhe zu bewahren. Ich wünsche uns allen, dass wir in dieser Zeit in unserem Glauben wieder neu Mut, Trost und Kraft finden. Denn, um es mit Worten Dietrich Bonhoeffers zu sagen: „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Gott behüte sie.

 

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr.

 

2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last.

Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen

das Heil, für das du uns geschaffen hast.

 

3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern

des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus deiner guten und geliebten Hand.

 

4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken

an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,

dann wolln wir des Vergangenen gedenken,

und dann gehört dir unser Leben ganz.

 

5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,

die du in unsre Dunkelheit gebracht,

führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.

Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

 

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,

so lass uns hören jenen vollen Klang

der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,

all deiner Kinder hohen Lobgesang.

 

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 


[1] Hermann Fischer-Hüllstrung

[2] Aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, 1998 (2015) S. 26-28.

[3] Aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, 1998 (2015) S. 560

[4] Aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, 1998 (2015) S. 515

[5] Aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, 1998 (2015) S. 607-608.