Aktuelle Predigt

An dieser Stelle finden Sie die aktuelle Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir auswärtige Prediger nicht um die Veröffentlichung ihrer Predigten bitten.

Tauf-Gottesdienst zum 19. Sonntag n. Trinitatis 18.10.2020

10.45 Uhr Evang. Kirche Fornsbach

 

Wochenspruch: Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

Jer 17,14

Psalm 36 (EG 719)

Predigt: Act 8, 26-39

Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7–8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.« Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

 

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute mit Frieda und Henry und ihre Familien die heilige Taufe. Da werden die Eltern und die Familie vielleicht auch fragen: Was wohl aus Frieda, was aus Henry werden wird in ihrem Leben?

 

Und wir anderen könnten uns fragen: Was ist aus unserem bisherigen Leben geworden? Was haben wir aus unserem Leben bis heute gemacht?

Was hat die Taufe mit mir macht? Oder genauer: Was macht Jesus Christus mit mir, was macht Gott aus meinem Leben?

Kind Sein bedeutet Aufbruch ins Leben. Eine Zukunft vor Augen, von der ich kaum etwas weiß, die sich mir erst Schritt für Schritt erschließt. Vielleicht ist es mit dem Glauben ähnlich. Aufbruch mit Gott in ein Leben, das sich mir erst nach und nach in seiner Tiefe öffnet.

Mit der Taufe des äthiopischen Finanzministers habe ich eine biblische Erzählung mitgebracht, die vom Leben erzählt, von einer spirituellen Reise, von der Erwartung eines besonderen religiösen Erlebens.

 

Er zog seine Straße fröhlich… . Die Stimmung dieses Menschen passt so gar nicht zu den äußeren Umständen.

Wie kann man in Coronazeiten Taufe feiern? Wie heiraten? Von ausgelassener Freude kann mit Maske und Abstandsgebot keine Rede sein.

Der Weg schon, dem der Finanzminister aus dem afrikanischen Ausland folgte, war öde. Genauer: Eine Wüstenstraße. Heiß, staubig, steinig. Lebensfeindlich. Wie Corona heute. Die äußerliche Wegbeschreibung spiegelt das Innere des Finanzministers wider.

Enttäuscht war dieser mächtige Politiker. Er war auf der Suche. Eine Pilgerfahrt nach Jerusalem sollte ihn an das Jahrtausende alte Heiligtum des Gottes Israels führen. Vielleicht hatte der Mann dort auch geschäftlich zu tun, allemal wollte er diese Reise mit einem Besuch im Tempel verbinden. Im Wort Besuch lese ich die Suche. Was sucht der Mann, der doch sicher auch zuhause seinen Glauben leben kann?

Unser Finanzminister ist auf der Suche. Und er findet eine Weggemeinschaft, zu der er sich gern hinzuzählen kann.

 

Wo überall gehören wir dazu? Zur Kirche, aber auch zur Schulklasse, zur Firma, zum Sportverein? Zum Freundeskreis. Zur Familie. - Und wo sind wir gern dabei?

Dieser Pilger kommt in die alte Stadt Jerusalem und verspricht sich im Tempel wer weiß wie viel für sein Leben. Vor allem will er dazugehören. Und sei es nur, zu denen, die dieses Pilgerziel mit eigenen Augen gesehen haben. Der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien, ein Zeitgenosse unseres Finanzministers, beschreibt die Erwartungen so: „Viele Tausende aus vielen Tausend Städten kommen von Ost und West und Süd und Nord teils zu Lande, teils zu Wasser, zu jedem Fest zum Tempel als zu einem allgemeinen Zufluchtsort und einer sicheren Einkehrstätte vor dem vielgeschäftigen und ruhelosen Leben, um hier Stille zu finden, und befreit von den Sorgen, von denen sie seit früher Jugend gefesselt und gedrückt werden, eine kurze Zeit aufatmend in heiterem Frohsinn zu verleben…“ (Philon, spec. I, 69-70). Der Tempel in Jerusalem: Er verspricht sowas wie Volksfest, Kirbe, Musikvereinskonzert, Spiritualität und Familienfeier zugleich.

 

In fröhlicher Erwartung also kommen Menschen auf ihrer Pilgerfahrt. Und dann die große Enttäuschung: „Nichtjuden haben zum Tempel keinen Zutritt.“ Eine solche Tafel haben Archäologen im Schutt des Tempels ausgegraben.

Ich stelle mir das bildhaft vor: Da entschließe ich mich nach langen Hin und Her zu einer beschwerlichen und teuren Reise. Unterwegs reift mein inneres Interesse, meine Sehnsucht wird immer stärker: Ja, ich will diesen besonderen Ort, seine Spiritualität, ich will diesen Gott kennenlernen. Selbst erleben, was ich von anderen nur vom Hörensagen kenne. Ich gebe eine Menge Geld aus, nehme Strapazen auf mich, und ich freue mich, je näher ich dem Ziel komme, auf ein fantastisches Erlebnis, und dann das: Kein Zutritt! Der Heimweg des Enttäuschten kann nur ein öder Weg gewesen sein.

Auf diesen Weg der Enttäuschung schickt der Geist Gottes seinen „Handlanger“ Philippus. Auch er wird nicht gefragt, er wird geschickt. Wie auch immer das zugegangen sein muss. Die Wege kreuzen sich. Philippus nimmt Kontakt auf zu dem Mann auf den Wagen. Er sieht, dass der Mann eine Schriftrolle in Händen hält. Der Mann ist als Ausländer erkennbar. Aber er kann offensichtlich das Hebräische lesen. Und er liest laut, wie es damals üblich war. Worte wollen zum Klingen gebracht werden. Und prägen sich so auch ein. Doch: „Verstehst du auch, was du da liest?“

Philippus steigt auf den Wagen, lässt sich ein Stück mitnehmen. Und auf dem Wagen entsteht sowas wie ein Konfiunterricht für unterwegs. Die beiden kommen miteinander ins Gespräch. Über diese geheimnisvolle Schriftrolle, die vielleicht ein Souvenir war,  über diesen Jesus von Nazareth, von dem man sich unglaubliches erzählt, und auf den diese Schriftrolle mit uralten Worten schon hinweist.

Wer weiß, wie lange die Beiden mit einander unterwegs sind. Sind wir lange genug mit einander unterwegs? Nehmen wir uns genug Zeit, um die ganz persönlichen Fragen mit einander zu bedenken? Mit einander unterwegs sind wir auf dem Weg des Glaubens.

Allemal: Der Finanzminister, der Mann der Sehnsucht und der Suche, er findet, was er sucht. Er findet es in der Schrift, er findet es aber vor allem im Gespräch über den Glauben. Das lebendige Zeugnis ist der Schlüssel zu den zuerst verschlossenen alten Buchseiten. Im Reden über den Glauben wird die Bibel lebendig.

Irgendwann ist im Gespräch das Wort Taufe gefallen. In diesem Ritual bündelt sich die gesamte Botschaft Gottes für uns Menschen: „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Vielleicht hat der Finanzminister das Ende der Welt räumlich verstanden: Wenn dieser Gott überall für mich da ist, dann kann ich auch wieder nach Hause fahren und dort meinen Glauben, meine Sehnsucht nach einem gelingenden Leben leben. Wenn dieser Gott mitgeht, dann muss ich keine großen Reisen machen, dann kann ich im Alltag nach seinem Wirken suchen. Aber Jesus meint sein Versprechen zeitlich:  Immer bin ich für dich da, auch in Coronazeiten. Und: Komme, was da wolle. Auch vom heutigen Tauftag an für die Dauer deines Lebens. Und noch darüber hinaus. Jesu Versprechen reicht vom Taufstein bis über die Gräber unseres Friedhofs und zu dem Tag X, an dem wir sehen, was wir heute nur glauben können: Ihn.

Der Finanzminister ist kein Kind mehr. Aber jetzt, für den Augenblick, ist er wie neu geboren. Er gehört dazu. Liebend gern. Das Verbotsschild im Tempel lässt er hinter sich. Der Besuch im Gotteshaus hat sich gelohnt. Er, wenn auch woanders, gefunden, was er suchte. Die Augen auf den Heimweg, auf sein Leben mit Jesus Christus, gerichtet, zieht er fröhlich - vielleicht vor sich hin pfeifend - seine Straße. Wie hoffentlich hin und wieder auch wir.

Amen.

 

Aus: Ich singe dir mit Herz und Mund, EG 324.

 

13. Wohlauf, mein Herze, sing und spring

und habe guten Mut!

Dein Gott, der Ursprung aller Ding,

ist selbst und bleibt dein Gut.

 

14. Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil,

dein Glanz und Freudenlicht,

dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil,

schafft Rat und lässt dich nicht.