Aktuelle Predigt

An dieser Stelle finden Sie die aktuelle Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir auswärtige Prediger nicht um die Veröffentlichung ihrer Predigten bitten.

Worte, die aus dem Herzen kommen

Gottesdienst zum 9. Sonntag n. Trinitatis, 9.8.2020,

10 Uhr Waldsee Fornsbach

 

Wochenspruch (Lk 12,48): Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

 

Psalm 31 (EG 767, Nachdichtung)

I+II Geborgen ist mein Leben in Gott. Er hält mich in seinen Händen.

I Manchmal habe ich große Angst. Ich bin ganz allein.

Wer ist da, der mich tröstet?

II Manchmal bin ich sehr traurig. Oft weiß ich nicht einmal, warum.

Wer ist da, der mich in seinen Arm nimmt?

I+II Geborgen ist mein Leben in Gott. Er hält mich in seinen Händen.

I Manchmal habe ich das Gefühl, dass niemand mich leiden mag.

Oft mag ich mich selbst nicht. Wer ist da, der mich verstehen kann?

II Manchmal bin ich feig. Ich schweige, wenn ich reden sollte.

Ich rede, auch wenn ich schweigen sollte.

Mir fehlt der Mut, das Rechte zu tun. Wer ist da, der mir hilft?

I+II Geborgen ist mein Leben in Gott. Er hält mich in seinen Händen. 

I Manchmal habe ich Angst vor dem Sterben. Ich weiß nicht, wie das ist.

Wer ist da, der mich in meiner Angst begleitet?

I+II Gott ist für mich da. Er hat mich lieb.

 

 

Lesung: Mt 13,44-46

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg;

und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.

 

Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

 

Predigt: Jer 1,4-10 (Worte, die aus der Liebe kommen…)

 

Und des HERRN Wort geschah zu mir:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

 

 

Liebe Gemeinde,

kennt ihr das, dass man nicht gefragt wird, obwohl es um das eigene Leben geht?

Habt ihr das auch schon erlebt, dass über euer Leben von Anderen entschieden wurde?

Und kennt ihr das Gefühl, im Rückblick auf den eigenen Lebensweg zurückzuschauen, immer mit der Frage: Hätte es auch einen anderen Weg für mich, für mein Leben gegeben?

Ich war wohl noch nicht einmal zwölf Jahre alt, als sich mein Lebensweg entschieden hatte. Wohl zwölf Jahre: Keiner hat von meiner Geburt Notiz genommen, so dass man meinen Geburtstag in einer Urkunde aufgeschrieben hätte. Nein, so bedeutend war ich nicht. Mein Vater war Priester, wie auch schon sein Vater und möglicherweise ganze Generationen vor mir.

In jenen Tagen brodelte sich Unheil zusammen: Auch wenn wir in Jerusalem nur ein kleines Rädchen im Weltgetriebe waren, so hat man doch gespürt, wie viel von den Machtkämpfen in fernen Staaten auch unser Schicksal bestimmen würde. Die Aufgabe der Priester war, mit dem religiösen Leben im Tempel zur Stabilisierung unseres Landes und seiner Bevölkerung beizutragen. Ich glaube, mein Vater hat seinen Dienst immer gern versehen: Denn die Leute, die aus dem Tempel in den Alltag zurückgegangen sind, waren ruhiger, spürten ein Gefühl von Sicherheit. Der Gottesdienst, die Opfer, das war Lebensvergewisserung. Der Dienst im Tempel hatte therapeutische Funktion, gerade in Umbruchzeiten und besonders in Zeiten, in denen die Angst regiert.

So einen Beruf, der den Menschen guttut, hätte ich mir auch gut vorstellen können. Aber Gott hatte anderes mit mir vor. Im Grunde hatte ich das Gegenteil von dem zu tun, was mein Vater tun durfte.

Der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.  Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Von bauen und pflanzen war lange Zeit keine Rede. Zerstörung sollte ich meinem Volk ausrichten. Den Untergang ansagen, das Ende eines vielleicht eigenständigen, aber kleinen Staates. Ausreißen und einreißen, zerstören und verderben. Von sowas redet keiner gern. Und das Schlimmste: Es war Gott selber, der da zu mir redete. Er wird wahr machen, was er mich ausrichten lässt. Und all das Leid, das sollte ja auch meine Familie und mich treffen. Und die Leute im Volk, das sind doch meine Leute! Nein, diesen Auftrag hab ich nicht gewollt.

Ich habe mich gewehrt, erst ganz einfach: Ich bin doch zu jung für so eine harte Lektion.

Und dann versuchte ich, zugunsten meines Volkes zu verhandeln. Aber Gott der Herr ließ mir keinen Spielraum: Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 

 

Du sollst. Wie habe ich es gehasst, wenn meine Eltern mit einem „Du sollst“ kamen. Ich wollte wollen und nicht sollen. Ich wollte mein eigenes Leben leben. Wollte meine Begabungen zur Entfaltung bringen. Und jetzt musste ich Worte nachsprechen, die ich nie und nimmer selbst gesagt hätte.

Schon vor meiner Geburt hätte er mich ausgesucht für diesen Auftrag. Was sich Gott eigentlich dabei denkt? Er hätte erst einmal sehen sollen, wer ich bin und was ich kann, wofür mein Herz schlägt. Aber nein: Er hat sich vor dem Beginn meines Leben auf mich festgelegt.

 

Gibt es so eine Berufung auch in eurem Leben? Berufen, Mutter zu sein, in einer Zeit, in der Beruf und Kind so schwer zusammenpassen. Berufen, Tochter zu sein einer Mutter, deren ganzes Leben sich um ein Haus, eine Küche, ein Leben für andere dreht. Berufen, in einem Beruf seinen Mann zu stehen, den man vielleicht immer wieder auch gern an den Nagel gehängt hätte. Oder der Coronabedingt kein Geld einbringt?  Manches kann man sich nicht aussuchen. Ich nicht und ihr nicht. Und manches Mal würde ich lieber davonlaufen oder mich verstecken. Manches Mal frage ich mich auch, ob das denn auch zu meiner Berufung gehört.

Von Gott erwählt, ausgesucht: Wozu? Was ist mein Auftrag, was ist das Ziel, was die Aufgabe meines Lebens? Und was, wenn die Verantwortung mir zur Last wird, wenn ich mein Päckchen nicht mehr tragen kann?

 

Fürchte Dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei Dir und will Dich erretten, spricht der HERR.
Gibt es größeres, was ein Gott zu uns Menschen sagen kann als: Ich bin bei Dir?
Wenn Du Deinen Weg durchs Leben gehst – ich bin bei Dir.
Wenn es Dir gut geht, Du Dich des Lebens freust und stolz bist auf das, was Du erreichst – ich bin bei Dir.
Wenn Dir Tränen den Blick verschleiern und Du vor Trauer nicht mehr weißt, wie Du den Tag durchstehen sollst – ich bin bei Dir.
Wenn Du glücklich einen Menschen in die Arme schließt, der Dir alles bedeutet – ich bin bei Dir.
Wenn Du traurig Abschied nehmen musst von einem Menschen, der Dir so viel bedeutet hat – ich bin bei Dir.

Wenn Du Angst hast vor dem, was wohl aus dir werden soll, – ich bin bei Dir.
Wenn Du Angst hast vor dem, was andere von Dir denken, vor dem, was andere über Dich sagen, von dem, was andere von Dir fordern – ich bin bei Dir.
Wenn Du vor dem Spiegel stehst und Dir selber nicht in die Augen schauen magst – ich bin bei Dir.
Wenn Du das Gefühl hast, von der Welt und von Gott verlassen zu sein und niemanden siehst, der nach Dir fragt – ich bin bei Dir.

Wie hätte ich mein Leben leben sollen ohne dieses göttliche Versprechen.
Wie willst Du Dein Leben leben ohne dieses göttliche Versprechen? Vielleicht lebst Du in einer Zeit, in der die Menschen Gott verlassen; in der sie ihn für überholt halten, in der es Gott für sie gar nicht gibt. Ich kenne solche Zeiten. Ich habe gelitten unter solchen Zeiten. Aber ich habe erfahren: Gott ist da. Wenn ich ihn brauche, und wenn ich nichts von ihm wissen will. Wenn ich ihn spüre und selbst, wenn ich das Gefühl habe, es gäbe ihn gar nicht mehr. Er ist da. Er ist bei mir. Gott sei Dank. Ich weiß nicht, wie ich sonst mein Leben hätte leben sollen.

 

Und dann gab es das doch: Den Auftrag zu bauen und zu pflanzen. Aller Verzweiflung zum Trotz habe ich am Ende meiner Tage anderen noch Mut machen können, sie angestiftet zur Hoffnung. Ich habe den Wiederaufbau einer unklaren Zukunft im Herzen und auf der Baustelle mit eingeleitet. Ich durfte doch noch Mut mitgegeben für einen neuen Anfang. Hier und jetzt. Mit Worten, die aus der Liebe kommen, aus der Liebe Gottes für seine Menschen:

Ich habe dich immer schon geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.

Es sind Worte, die Gott aus dem Herzen sprechen, mit denen er mein und euer Herz berühren will:

Ich denke an die Treue deiner Jugend, an die Liebe deiner Brautzeit.

Gott knüpft da an, wo der Faden gerissen ist. Er will einen Neuanfang:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,…

Und aus seinem Herzen spricht Gott über mich zu euch:

„…das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Wort in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.

 

Bauen und pflanzen. Bilder der Hoffnung auf Zukunft. Auch in Coronazeiten. Bauen und Pflanzen. Auf Hoffnung hin. Bauen und Pflanzen. Aktiv werden gegen die Perspektivlosigkeit. Bauen und Pflanzen. Begleitet von Worten, die Gott aus dem Herzen sprechen. Worte der Liebe. Zu uns. Mutmachworte gegen den Zweifel. Für das Leben. Amen.