Aktuelle Predigt

An dieser Stelle finden Sie die aktuelle Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir auswärtige Prediger nicht um die Veröffentlichung ihrer Predigten bitten.

Kantate – Die Stimmkraft ist nicht aufzuhalten

Gottesdienst zum Sonntag Kantate 2.5.2021,

10.45 Uhr Evang. Kirche Fornsbach

 

Kantate – Die Stimmkraft ist nicht aufzuhalten

40 Jahre Evangelische Kirchenmusik Kirchenkirnberg

 

Wochenspruch Ps 98,1: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 96

Singet dem Herrn ein neues Lied; singet dem Herrn, alle Welt!

            Singet dem Herrn und lobet seinen Namen,

            verkündet von Tag zu Tag sein Heil!

Erzählet unter den Heiden von seiner Herrlichkeit,

unter allen Völkern von seinen Wundern!

            Betet an den Herrn in heiligem Schmuck;

            es fürchte ihn alle Welt!

Sagt unter den Heiden: Der Herr ist König.

Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt.

            Er richtet die Völker recht.

Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich,

            das Meer brause und was darinnen ist;

das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist;

            es sollen jauchzen alle Bäume im Walde

            vor dem Herrn; denn er kommt,

denn er kommt, zu richten das Erdreich.

            Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit

und die Völker mit seiner Wahrheit.

 

Lesung: Lk 2,8-14

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

 

Lied: Dir dir o Höchster will ich singen, EG 328, 1.2.3

 

Predigt: Lk 19,37-40

Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

 

Liebe Gemeinde, liebe Sängerinnen- und Sängerfamilie,

 

nein, wir sind hier kein Gesangverein, aber doch sind wir alle miteinander Menschen, denen der Gesang gegeben ist, mit unserer Stimme verliehen seit dem ersten Schrei nach unserer Geburt.

Und solidarisch mit den Gesangvereinen beklagen wir mal mehr, mal weniger laut, dass uns das gemeinsame Singen fehlt, seit über einem Jahr, kurze Unterbrechungen draußen vor der Kirchentür mit Sicherheitsabstand eingeschlossen. Kantate 2020 und das vierzigjährige Jubiläum der evangelischen Kirchenmusik in Kirchenkirnberg mit Uwe Matti hat Christian Schmitt im Video liebevoll in Szene gesetzt, aber das gemeinsame Singen ersetzen kann der schönste Film noch immer nicht. Denn die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller musste beim Dreh damals fehlen. In Fornsbach sind es dieses Jahr 35 für manche unserer Chormitglieder aktive Kirchenchorjahre. Verantwortlich vor Gott und den Menschen respektieren wir die unserer Vernunft sich erschließende rechtliche Regelung zwischen Landesregierung und Kirchenleitung, andere Coronaverordnungen stoßen auf weniger Verständnis. Und wir strecken uns aus nach einer so breiten Impfwirkung und nach der jahreszeitlichen Entlastung des Sommers, dass wir dann wieder - ohne uns selbst oder gar andere zu gefährden – kraftvoll unsere Stimmen zum Klingen bringen können.

 

Anders als unser vernunftgeleiteter, aus der Not der Pandemie geborener, Verzicht, war es in Jerusalem eine Clique frommer Tempel- oder Synagogengänger, die das Halleluja der Jesusjünger unterbinden wollte. Nicht die Aerosole waren denen ein Dorn im Auge, sondern der Liedtext hat ihnen nicht geschmeckt, konnte das Singen der Jüngerschar doch die ganze Stadt infizieren: Die Zeit war reif für den Messias, der da umjubelt auf dem Davidischen Esel letzte wenige Kilometer in die Hauptstadt hinüber ritt. Das Gotteslob der Jüngerschar im Zusammenklang mit den himmlischen Chören hatte Brisanz: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Der erste Halbsatz hat politische Sprengkraft, der zweite nimmt Gott selbst für Jesus in Anspruch. Politisch konnten die Pharisäer nicht mit, hatten sie sich doch mit den Römern und ihren Vasallen arrangiert. Und mancher Messiasanwärter war in jüngerer Zeit gescheitert. Aber noch brisanter muss ihnen gewesen sein, dass da andere zu wissen und zu feiern reklamieren, wie Gott in Jesus die Geschichte lenkt. Gotteslästerung liegt ihnen in den Ohren, ein Missbrauch der Religion für politische und eben auch für religionspolitische Zwecke. Der der da kommt, stellt alles in Frage, was den Pharisäern heilig ist. Vor allem, weil er ihrer eigenen Sehnsucht nach religiöser Selbstbestimmung bedrohlich nahe kommt.

 

Es ist ein Faktor der Geschichte: Je näher wir Menschen uns sind, umso strenger grenzen wir uns voneinander ab. Oder andersherum: Je massiver die Abgrenzung, umso größer die Nähe zum Gegner. Die CDU im Rüstungsstandort Suhl kann ein Lied davon singen. In früheren Jahren war es die Rivalität der K-Gruppen am linken Parteienspektrum.

 

Jesus wird also in die Schranken gewiesen, so viel Autorität, diese Menschenmenge zum Schweigen zu bringen, gesteht man ihm zu. Er lässt die Gegner stehen und reagiert kurz und knapp: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Dieses nur bei Lukas überlieferte und neu in unsere Predigtreihe gekommene Jesuswort gibt manchen Fachleuten Rätsel auf. Hat Jesus schon die Brocken des zerstörten Tempels von Jerusalem vor Augen? Die Steine, die er ein andermal vom Stadtrand aus beweint?

 

Steine, die schreien. Wir können am Sonntag nach der Wiederkehr der Zerstörung unserer Kirche(n) in den letzten Kriegstagen mitfühlen. Was hat Gott geweint, wie haben die in der Feuerglut berstenden Steine vom Leid des Krieges und des Völkermords geschrien?

 

Wie beredt sind überhaupt die Gemäuer, in denen wir schon Pesttote zu Grabe getragen haben, in denen wir manchen Schmerz stellvertretend für die Trauernden zur Sprache bringen, in denen aber auch das Schweigen beredt war angesichts manch verborgenen Leids.

Es war ein Palmsonntag vor wenigen Jahren, an dem Richard Winter mir diesen von einer Türeinfassung unserer Fornsbacher Vorgängerkirche stammenden fein gemeißelten Block aus gotischer Zeit überreicht hat, vielleicht von der Kirchenerweiterung im Jahr 1380 stammend, in dem die Pest unsere Region entvölkert und ein Erdbeben die Löwensteiner Burg zerstört hatte. Jesu Einzug nach Jerusalem, und doch kein Frieden auf Erden. Wenn Steine schreien könnten!

Oder die zarte Schiefertafel von der Kirchturmhaube in Kirchenkirnberg. Sie erzählt vom Wiederaufbau nach dem Krieg, sie singt vom Blick hinüber auf unseren Friedhof, zu jedem Abschied von einem geliebten Menschen. Das Schieferbruchstück lässt mich aber nebenbei auch an KZ Häftlinge in Bisingen am Albrand denken, die Ölschiefer abbauen mussten, damit der Krieg noch länger wüten konnte.

 

Wenn Steine schreien könnten. Die einzigen wirklich laut schreienden Steine in meinem Gehörgang sind die Rolling Stones. Mick Jagger und die herausgestreckte Zunge als Logo der Band, die nie genug haben konnte: I can´t get no satisfaction.

 

Was will uns Jesus mit dem Wort vom Schreien der Steine sagen? Vielleicht dasselbe wie beim Kamel, das durchs Nadelöhr schreitet: Das ist doch alles Quatsch! Ein Oxymoron nennt die Sprachwissenschaft solche Bilder. Auf deutsch: „Scharfsinnigen Schwachsinn“.

Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. Und so wenig die Steine schreien können, so wenig werden diese, meine Weggefährtinnen, verstummen. Das Lob Gottes ist im Rollen. Und ihr könnt es nicht aufhalten. Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

 

Nach dem Gesang der Engel zur Geburt des Gottessohns ist es am Ende seiner irdischen Wirksamkeit wiederum das Gotteslob, das bis in die Himmel reicht, weil Jesus eben viel, viel mehr ist, als ein frommer Rabbi, ein radikaler Pharisäer, ja selbst mehr als ein König David. In Jesus kommt Gott selbst in unsere Menschenwelt. Wir, so können die Jünger erzählen, haben Unglaubliches mit ihm erlebt. Verletzungen auch der Seele fanden Heilung, Behinderungen konnte er in Freiheit verwandeln, unterdrückte Existenzen haben Selbstbestimmung gelernt, entwertete Lebensverhältnisse erstrahlen im neuen Glanz göttlicher Würde. Und wir haben Gott erlebt, nicht als permanenten Gesetzeshüter und knechtenden Chef, sondern als liebevoll mich aufrichtenden Vater im Himmel.

Davon ich singen und sagen will: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

 

Die Steine des Lobgesangs sind im Rollen. Unaufhaltsam. Weil Gottes Geschichte eine für und mit uns Menschen ist. Weil Gott unsere Sehnsucht berührt und uns in Gang setzt, davon zu singen, zu sagen und entsprechend zu handeln. Politisch, wenn möglich oder nötig, und aus frommer Seele über eine fromme Kehle.

 

Gott hat uns zu seinem Lob eine Stimme geschenkt. Und wenn die auch momentan zum Schweigen verurteilt sein mag, so wird sie in aller Klarheit wiedererklingen. Wie im Himmel, so auch auf Erden. Amen.