Aktuelle Predigt

An dieser Stelle finden Sie die aktuelle Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir auswärtige Prediger nicht um die Veröffentlichung ihrer Predigten bitten.

Gottesdienst zum Musikvereinsommerfest 14.7.2019 10.00 Uhr am Festplatz Gemeindehalle

„Es gibt viel zu tun, wer macht mit?“

 

Wochenspruch: Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

(Gal 6,2)

 

Psalm  Aus Ps 119, gesprochenes Amen.

 

Predigt: Mt 9,35-10,5 „Es gibt viel zu tun, wer macht mit?“

 

Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. …

Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wir werden immer weniger. Während die Stadt Murrhardt ihre Einwohnerzahl noch ein wenig ausbauen konnte, hat die Zahl der Evangelischen deutlich abgenommen. Waren vor 30 Jahren noch 6500 Gemeindeglieder in Murrhardt gezählt worden, so sind es jetzt gerade 5000.

Und auch in unseren Stadtbezirken werden wir weniger. Zu Beginn meiner Dienstzeit hatten Fornsbach und Kirchenkirnberg zusammengerechnet um die 300 Gemeindeglieder mehr als heute. Die Gründe sind verschiedene, an Kirchenaustritten liegt es nicht. Eher an der Frage, wie junge Erwachsene auf dem Land eine berufliche Perspektive finden. Eigentlich müsste ich sagen: Mit weniger Gemeindegliedern kommst du besser herum, schaffst du deine Aufgaben eher, als in einer größeren Gemeinde. Aber die Aufgaben werden nicht weniger; nur die Zahl der Menschen nimmt ab. Und hier und da beginnt man schon zu munkeln, ob wir eine so große Kirche wie in Kirchenkirnberg überhaupt noch brauchen, geschweige denn, ob wir sie uns noch leisten können. Der finanzielle Aufwand für die Kirchturmrenovierung wird auf 160.000 € geschätzt. Das sind 250 € pro Kopf. In Fornsbach stehen wir da deutlich besser da.

 

Und dann kommen nicht nur Wahlen zu Gemeinderat und Bürgermeisteramt auf uns zu, sondern auch noch Kirchenwahlen. Finden wir genug Engagierte, die den Mut aufbringen, gegen den Trend des Weniger-Werdens ihren Einsatz in die Waagschale zu werfen, damit unsere Gemeinde sich weiterentwickeln, ja überhaupt weiter existieren kann?

Und wer sich in der Kirche einbringt, ist oft schon im Verein engagiert. Wer schultert so ein Musikvereinfest? Wer hilft bei der Altpapiersammlung vom frühen Samstagmorgen an? Wer kommt verlässlich zur Probe, wenn das gemeinsame Musizieren gut klingen soll? Ich weiß nicht, ob dieselbe Frage auch an die Gesangvereine zu richten wäre? Die Frage nach der Zukunft ist die Eine, die nach dem heute ist jeden Tag spürbar: Wie können wir mit den bestehenden Möglichkeiten zurecht kommen?

Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

 

Oder in heutigen Worten: Es gibt viel zu tun: Wer macht mit? Es sind doch eh immer die Gleichen – höre ich sagen, beim Fest im Verein, beim Stadtfest, im Gemeinderat.

 

Doch die pure Zahl der Einsatzbereiten ist vielleicht nur ein äußerlich wahrnehmbares Symptom, dass uns noch mehr fehlt, als nur genug hochgekrempelte Ärmel.

 

Ich mache einen Zeitsprung ins 12. Jahrhundert. Ein junger Mann lässt sich von genau unserer Bibelstelle berühren. Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

 

Wir schreiben das Jahr 1177. Ein reicher junger Mann wird vom tiefen Mitgefühl Jesu überwältigt. Er muss mit ansehen, wie das Leben sinnentleert und orientierungslos aus dem Lot geraten ist. Verschmachtet – übersetzt Luther – sei das Volk Gottes, verschmachtet erlebt Valdes dieses Leben. Als ein geplagtes Leben, niedergeschlagen, ohne Ziel. Ohne echtes Vorbild. Ohne jeden Wert, ohne Würde. Der junge Mann mit einem solchen Bild vom Leben vor Augen sieht nicht weniger als sich selbst.

Sein Leben steckt in einer Sackgasse. Es schreit nach Veränderung. Der verwöhnte Schnösel, wie ihn manche sehen, er begegnet dem Evangelium, er begegnet diesem Jesus, hört ihn zu sich reden:

Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.  Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

Dieser junge Mann heißt Valdes. Er wohnt in Lyon, der altehrwürdigen Stadt an der Rhone mit großer römischer Geschichte, und mit Handelsverbindungen, die Geld in die Kassen der Stadt und auch in seine Kassen gespült hatten.

Doch alles Geld der Welt vertreibt nicht den Jammer, den Valdes an sich selbst und in den Augen Jesu erkennt. Ja, Jesus sieht mich, verschmachtet, sinnentleert, orientierungslos, wie Schafe, die keinen Hirten haben. Oder die falschen Hirten. Und Jesus tut das weh, mich  so zu sehen.

Valdes probiert aus, die Welt mit Jesu Augen zu sehen. „Selig sind die Armen, denn sie sollen das Reich Gottes besitzen“. Mit geschärftem Blick erkennt Valdes die korrupte Priesterschaft, die Männer der Kirche mit ihrer Gier nach Macht und Geld und Genuss. Und mit ihren Augen nur für die eigenen Bedürfnisse.

Valdes setzt alles auf eine Karte. Er verkauft seinen Besitz und sammelt die Armen Lyons um sich. Menschen, die sich ebenso berühren lassen von dem Jesus, der innerliche Weinkrämpfe aushalten muss, wenn er die Not der Menschen sieht.

Valdes nimmt einen Teil seines Vermögens in die Hand, um diesem Jesus näher zu kommen. Sozusagen ohne Umwege will er den Heiland kennenlernen. Er beauftragt Gelehrte, die Bibel – zumindest in Teilen - in seine Landessprache zu übersetzen. Bildung für den Glauben. Übersetzungsarbeit für die Nähe zu Gott. Valdes war insofern ein früher Martin Luther. Ohne Filter wollt er von Gott erfahren. Und von Gott reden.

Valdes und seine Armen von Lyon nahmen sich die Aussendungsrede Jesu zum Vorbild für eine eigene Predigttätigkeit. Ihr Evangelium fiel wie frischer Dünger auf einen ausgelaugten Boden.

Valdes redet selbst, er lässt sich das Reden nicht vom Bischof und seinen Priestern abnehmen. Und: Valdes redet konkret, konkret vom Glauben. Konkret vom Leben. Valdes spricht von der Armut in Jesu Nachfolge und er spricht den Reichtum und die Unglaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Vertreter kritisch an. Das macht ihn für die Kirche gefährlich und das macht sein Reden für ihn gefährlich. Die Valdenser verbreiten sich schnell über halb Europa. Und die bald begründete päpstlich-kaiserliche Inquisition folgt ihnen mit ihren Scheiterhaufen auf dem Fuß.

 

Jesus jammert – seine Eingeweide verkrampfen sich -  beim bloßen Hinschauen, wie sein Volk, Gottes Volk verschmachtet – verwelkt – ausgetrocknet – abgestorben vor sich hin vegetiert, ohne Orientierung, ohne Ziel. Und ohne Gemeinschaftssinn. Zerstreut, aufgerieben. Wie die Schafe, die keinen Hirten haben oder keinen Hirten, der diesen Namen verdient.

 

Die Aufgabe ist immens. Ein Volk ohne Vision geht zugrunde. Schrieb Dorothee Sölle einst. Ein Volk ohne Vision, ohne Orientierung, ohne Ziel. Und wer ein Bild vom „Morgen“, von Gottes Welt hat, der sieht eine Fülle von Herausforderungen. Und das im Jahr der Bürgermeister- und der Kirchenwahlen! Eine Mammutaufgabe wartet. Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.  Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

Jesus befähigt die Zwölf, in seinem Geist die Ärmel hochzukrempeln. Wir staunen, lassen uns vielleicht berühren wie Valdes: Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

Valdes und sein Evangelium wurden für Ungezählte zur Heilung ihrer Seelennot, ihrer Orientierungslosigkeit, ihres Lebens in der Vergessenheit und Einsamkeit.

Sie hatten ihr Evangelium auswendig gelernt, dass niemand ihnen Gottes Wort nehmen konnte. Sicher: Sie haben weitergelesen bei Matthäus. Von der Abweisung durch zahlreiche Städte, von der Todesgefahr, in der sie sich selbst sehr schnell erleben mussten.

Aber die Valdesiani, die Valdenser haben sich aufgemacht auf die Suche nach einem Leben nach Gottes Willen, auf die Suche nach einem einfachen Leben mit dem Blick für das Wesentliche, auf die Suche nach einem gemeinsamen Leben, auf die Suche nach sich selbst.

 

Mich auf den Weg machen, meine von Gott gewollte Bestimmung zu entdecken, dazu lädt Jesus ein. Wo bin ich gefragt, dieser ausgetrockneten Welt die Quelle des Lebens zu erschließen? Bei Valdes lerne ich vom Blick in den Spiegel, von einer überwältigenden Ehrlichkeit: Meine innere und äußere Not spricht Jesus an. Da kann mich der Blick in die Urlaubsprospekte oder der Traum von einem neuen Auto nicht wirklich trösten. Valdes redet von gegenseitiger Ermutigung, vom gemeinsamen Blick in die Bibel, überhaupt von Gemeinschaft. Ich lese vom Loslassen und vom Gewinn eines neuen Sinnes für mein Leben und das Leben anderer.

Und ich lerne vielleicht das Beten neu: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.  Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. Was für ein Bild  - Welch eine Vision: Eine heilvolle Zukunft zu glauben wagen. Und im Heute Gottes leben.

Amen.

 

 

Lied (Gitarre): Aus Gottes guten Händen, EG 646,1-5