Aktuelle Predigt

An dieser Stelle finden Sie die aktuelle Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir auswärtige Prediger nicht um die Veröffentlichung ihrer Predigten bitten.

Gottesdienst am 20. November 2019 (Buß- und Bettag)

Evang. Kirche Kirchenkirnberg, 19.30 Uhr

 

Wochenspruch: Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben. Sprüche 14,34

 

Psalm  Aus Ps 130 (751).

 

Schriftlesung: Jesaja 1,10-18 (Luther)

Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unseres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet?

Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht!

Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen!  Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache! So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.

 

 

Predigt: Röm 2,1-11

 

Liebe Gemeinde,

Buß- und Bettag: Das klingt wie etwas für die ganz Frommen, die ganz und gar entschiedenen Christen, für Menschen, die es sich nicht leicht machen wollen in ihrem Leben und in der Welt, in der sie leben – ihren Glauben leben.

 

Buße. Da denke ich als einer, der Auto fährt, an den Bußgeldkatalog für Ordnungswidrigkeiten im Straßenverkehr. Buße: Da denke ich als einer, der in der Schweiz studiert hat, und der immer wieder dort Urlaub macht, an die schweizerische Redensart: Da droht dir Busse (tatsächlich mit ss geschrieben). Beispielsweise: Wer auf Gemeindegrund übernachtet oder campiert, wird mit einer Busse von 100 Schweizerfranken bedroht.

 

Buße hat etwas mit Strafe zu tun, und wer will schon gern mit Strafandrohungen leben?

Der Buß- und Bettag: Er könnte bei Außenstehenden als Tag der Selbstanzeige von uns Christen verstanden werden.

 

Das ganze Leben der Gläubigen soll Buße sein, fordert Martin Luther gleich in der ersten seiner 95 Thesen gegen den Ablass. Er wehrt sich gegen die Idee, dass es mit einem Aschermittwochgang zur Kirche oder mit einem Ablassbrief getan ist, wenn man ehrlich vor Gott Christ sein will.

Ist der Buß- und Bettag auch so eine Alibiveranstaltung für uns Christen – auch wenn wir uns ihn haben nehmen lassen, als staatlichen Feiertag zur Finanzierung der Pflegekasse?

Am Buß- und Bettag gehen wir zerknirscht zur Kirche – oder noch besser (ich meine das ironisch), wir kommen zerknirscht von der Kirche in unseren Alltag zurück – soll das ein christlicher Lebensstil sein?

 

Metanoia ist das griechische Wort, das Luther mit Buße übersetzt. Da geht es um die Verwandlung des Verstandes, des Denkens. Mit „Um-Denken“ also könnte man das griechische Wort hinter unserer Bußtheologie übersetzen. Dahinter steht die Idee, dass sich im Denken, in unseren Gedanken, alles entscheidet, auch unser Verhältnis zu Gott.

 

Im Hebräischen bzw. Aramäischen, der Muttersprache Jesu und des Apostels Paulus, liegt die Bedeutung für unser Wort Buße weniger beim Umdenken, sondern deutlich beim Umkehren. Von einer Wende, von einem Weg zurück ist die Rede, wenn die hebräische Bibel und wohl auch, wenn der griechisch sprechende Apostel seine jüdisch - hebräische Sprachwelt zum Klingen bringt. Er schreibt griechisch, denkt aber oft genug hebräisch in den Kategorien seiner rabbinischen Bibelauslegung.

Buße heißt also Umkehr, Kehrtwende. Weg: Wovon? Hin: Zu was oder zu wem?

 

Eine ungeschminkte Anklagerede haben wir aus dem Mund des Propheten Jesaja gehört, und das, was uns der Apostel Paulus ins Gewissen oder ins Stammbuch schreibt, ist nicht weniger deutlich. Ich lese aus dem Römerbrief vom 2. Kapitel die Verse 1-11.

 

Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.

Wir wissen aber, dass Gottes Urteil recht ist über die, die solches tun. Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der einem jeden geben wird nach seinen Werken:

ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben;

Ungnade und Zorn aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit;

Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

 

Harte Worte, anklagende Worte höre ich mir da entgegenschmettern. Es gibt keine Entschuldigung. Das wird Paulus noch öfter schreiben.

Und ich, der ich diese Zeilen lese: Weide ich mich in der Selbstanklage? Ja, es gibt keine Entschuldigung für nichts in meinem Leben. Im Gegenteil: Mit jedem Tag, mit allem, was ich zu verantworten habe, häufe ich Gottes Zorn auf, bis zu dem Tag, an dem er mit mir aufräumen wird.

 

Ich lese, es geht ums Urteilen. Ja, ich bilde mir ein Urteil über andere Menschen. Insofern trifft mich diese Anklagerede des Apostels. Aber bin ich verstockt – unbußfertig, was ja so viel heißt wie umkehrresistent? Welche Anklagen führt Paulus gegen mich ins Feld?

Nochmal: Hier geht es ums Urteilen, ums Richten über andere Menschen. Erhebe ich mich über andere, weil ich sie verurteile?

 

Paulus selbst, und das ist die Grenze eines solch kurzen, ausgeschnittenen Bibelwortes für einen Gottesdienst, er nennt einiges, was es aus Gottes Perspektive zu beklagen gibt, wenn ich mir die Mühe mache, ein paar Zeilen zurückzublättern in seinem Brief.

 

Da geht’s um Homosexualität von Frauen und Männern in der damals erkennbaren Form innerhalb eines griechischen Kulturraums, der gar nicht mehr unserer ist. Da geht’s um Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht; Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig.

 

Liebe Gemeinde: Ich frage mich: Meint das mich?
Klare Antwort: Paulus meint Menschen, die sich ihre eigenen Gottheiten konstruieren, und in deren Leben sich ihre selbstgebauten Götter in einer egoistischen Lebensweise wiederfinden. So ein Götze kann ein fettes Auto sein, mit dem ich meine, mir gehört die Straße, jenseits aller Geschindigkeitsbegrenzungen, Opfer in Kauf nehmend. So ein Götze kann ein Aktienpaket sein, das dann wächst, wenn Arbeitsplätze vernichtet, der Regenwald abgeholzt oder Menschen ausgebeutet werden – und ich lache nur über die Rendite. So ein Götze kann die digitale Welt der so genannten sozialen Netzwerke sein, in denen Kinderpornos getauscht oder Mitschülerinnen gemobbt werden.

 

Die Aufzählung des Apostels ist ähnlich krass.

 

Ich fühle mich also zunächst nicht gemeint. Aber dann: Urteilt nicht! Sonst seid ihr genauso Gottes Gericht unterworfen wie diese Egomanen mit ihren selbst gezimmerten Götzen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

 

Urteilt nicht: Auch nicht über die Gottesverächter. Auch nicht über die Niederträchtigen unter den Menschen. Urteilt über niemanden, sonst seid ihr nicht besser als sie.

Ja, ihr seid nicht besser als sie.

 

Nochmal halte ich inne: Ich soll nicht besser sein als ein habgieriger Prahler, ein gewissenloser Raser oder ein Kinderschänder aus dem Darknet? Nachdenklichkeit macht sich breit in meinem Gewissen.

Dann aber hole ich mein Wissen aus dem Hinterkopf: Den Römerbrief musst du ganz lesen, oder du musst es lassen. Denn der entwickelt einen Gedanken weiter, der hier in unserem Abschnitt nur im Stichwort zu finden ist: Gnade. Güte. Gottes Begriff von Gerechtigkeit.

 

…verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

 

Am Ende wird wenige Zeilen später ein Kernsatz des evangelischen Glaubens stehen:

„ohne (unseren) Verdienst werden wir gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. - ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Röm 3,24.28)

 

Auf den Glauben, auf unser Gottvertrauen kommt es letztlich an. Und damit auf Gott selbst, der uns dahin bringen wird, dass wir ihm uns anvertrauen.

 

Für mich wäre heute dies die Übersetzung von Buße: Gottes langer Atem wird auch mich, der ich nicht überall gleich schlecht gesehen werden will, wie schlecht ich viele andere auch sehen mag, Gott wird auch mich in seiner liebevollen Geduld zu sich selbst zurückbringen.

Sein Weg ist Umkehr. Abkehr von dem, was mir lebenswichtig scheint, Hinwendung zu ihm, der mir nicht weniger als das Leben verspricht.

 

Bußtag 2019 sagt mir im Nachklang mit Jesaja und mit Paulus: Solche Umkehr ist möglich: weil Gott Geduld hat, und weil er es ernst meint mit uns. Und uns - darin - liebt. Amen.

 

Chor: Herr Gott, du bist unsre Zuflucht