Aktuelle Predigt

An dieser Stelle finden Sie die aktuelle Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir auswärtige Prediger nicht um die Veröffentlichung ihrer Predigten bitten.

Gottesdienst zum 2. Sonntag n. Epiphanias 19.1.2020,

9.15 Uhr Evang. Kirche Fornsbach

 

Mit Einführung des neuen Kirchengemeinderates in Fornsbach

 

Wochenspruch: Joh 1,16: Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.

 

Lied: Du Morgenstern, du Licht vom Licht, EG 74,1-4

 

Psalm 36 (EG 719), ( „Ehr sei …“).

 

Lesung: Apg 2,42-47

Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.

Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.

Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

 

Lied: Nun singe Lob, du Christenheit; EG 265,1-3+5

 

 

Predigt: Röm 12,9-16 (-19)

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.

Die geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.

Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

 

Liebe Gemeinde,

nach dem langen Reigen von Feiertagen vom Advent über Weihnachten, Sylvester und Neujahr bis zum Frühstücksgottesdienst scheint mit dem heutigen Wort zur Predigt der Alltag hereinzubrechen, der Alltag eines Christenmenschen. Anweisungen  - typisch! Imperative Satz für Satz. Das Christenleben besteht aus Geboten und noch mehr Verboten, so könnte ein Außenstehender urteilen.

Ja, inhaltlich meint es der Apostel ja gut, aber all die Ausrufezeichen kommen wie ein einziger Befehlston herüber.

Und dann schaue ich genau hin. In meiner Lutherbibel findet sich kein einziges Ausrufezeichen! Obwohl die Sätze es am laufenden Band vermuten ließen. Und in meiner griechischen Bibel findet sich so gut wie kein Imperativ, obwohl die deutsche Übersetzung diese Befehlsform den ganzen Abschnitt hindurch gewählt hat. Alle deutschen Übersetzungen, die ich dazu in die Hand genommen habe, kommen ohne diesen Befehlston nicht aus.

Zugegeben, es ist gar nicht leicht, den Gedankengang des Apostels wortwörtlich wiederzugeben.

Ich wage einen Versuch:

Die Liebe ist ungeheuchelt. Indem wir das Böse verabscheuen. Indem wir am Guten festhalten. Indem wir voll geschwisterlicher Liebe einander zugewandt sind. Indem wir einander im Erweis unseres Respekts zuvorkommen. Indem wir nicht, statt zügig zu handeln, träge werden. Indem wir lodernden Geistes sind und dem Herrn Dienende. Indem wir uns an der Hoffnung freuen, voller Geduld angesichts der Verfolgungen. Indem wir im Gebet beharrlich bleiben. Indem wir die Bedürftigkeit der Heiligen vergemeinschaften. Indem wir die Gastfreundschaft (genauer: Die Fremdenliebe) nicht aus den Augen lassen.

(Jetzt erst kommt ein Punkt, und dann der erste Imperativ:) Segnet, die euch verfolgen, segnet und verflucht nicht. Sich freuen mit den sich Freuenden, weinen mit den Weinenden: Indem ihr für einander auf dasselbe bedacht seid: Nicht nach dem Hohen strebend, sondern zu den Niedergedrückten euch hinabbeugend.

(Jetzt erst kommt wieder eine echte Anweisung:) Werdet nicht selbstbezogen.

 

Liebe Gemeinde, wenn ich meinen Paulus so lese, dann kommt mir alles vor wie eine Erklärung, was denn Liebe ist. Und klar: Weil es hier nicht um eine abstrakte philosophische Abhandlung geht, sondern ums konkrete Miteinander-Leben, deshalb kommen wir ins Spiel, die Gemeinde Jesu Christi, wir Christenmenschen. Und so werden die ganzen Beschreibungen und Umschreibungen schon zu konkreten Aufträgen, wie wir denn ungeheuchelte, ungespielte Liebe leben können.

Ungespielte Liebe: Schminkt euch das Theaterspiel ab, das könnt ihr euch fürs Krippenspiel oder für die Jahresfeier aufheben.

Ungeschminkte Liebe sagt denn auch nicht zu allem Ja und Amen, sie verabscheut das Böse. Sie klammert sich an das Gute. Sie klammert sich fest an der Hoffnung, dass es am Ende gut werden wird.

Und wahre Liebe, Liebe, die wirklich Liebe ist, sieht nicht zuerst auf das Eigene, sondern auf das, was der oder die Andere braucht. In unserer Zeit der Selbstverliebtheit, des Egoismus bis in die hohe Politik ist mir diese Erinnerung besonders wertvoll. Geschwisterlichkeit ist das Gegenmodell zum Egotrip. Karl Barth übersetzt: Brüderlichkeit ist etwas zärtliches. Keine Verbrüderung in der Ablehnung der Andern, keine Blutsbrüderschaft auf einander eingeschworener Kreise von Gleichgesinnten: Geschwisterlichkeit unter dem Zeichen der Liebe hat eine zarte, eine zärtliche Hand und zärtliche Sinne für den Menschen neben mir, auch für den mir Fremden. Gastfreundschaft heißt im Griechischen denn auch Fremdenliebe.

Und die Hinwendung zu mir Fremden wird konkret: Die Bedürftigkeit der Heiligen meint die konkrete Armut der Christen in Jerusalem. Paulus schreibt also zwischen den Zeilen: Es wäre gut, wenn ihr Geld übrig hättet für eure Geschwister im Glauben, die nichts mehr haben. Ungespielte Liebe macht vor dem Geldbeutel nicht halt.

Die Fremdenliebe ist die Zwischenstation auf dem weiten Weg zur Feindesliebe.

Segnet die euch verfolgen, segnet und verflucht nicht. Sich freuen mit den sich Freuenden, weinen mit den Weinenden: Indem ihr für einander auf dasselbe bedacht seid: Nicht nach dem Hohen strebend, sondern zu den Niedergedrückten euch hinabbeugend.

Nur einer hat bisher auf Erden die Feindesliebe wahrhaftig durchgehalten: Jesus Christus selbst. Feindesliebe, wenn sie beharrlich ist, wenn sie mit Begeisterung gelebt wird, wenn sie nicht träge ist im Ernstmachen, wenn sie die Verfolger segnet, nicht verflucht ... solche Feindesliebe führt ans Kreuz.

Ungeschminkte Liebe, ungespielt: Im Kreuz Jesu habe ich sie vor Augen. Dafür brauchen wir noch nicht einmal ein Ausrufezeichen.

Gott hat zuerst geliebt. Aufrichtig. Und wir: Vertrauen, glauben Gottes Liebe.

Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben. Amen.

 

Lied: Strahlen brechen viele, EG 268, 1.3-5