Annkatrin Jetter: Argula von Grumbach

Predigt in der Predigtreihe „Die Entdeckung der Freiheit und ihre Spuren. Männer und Frauen der Reformation“ (Februar 2016, Pfarrerin Annkatrin Jetter)

 

Liebe Gemeinde,

versuchen wir einmal, in der Zeit zurückzureisen, knapp 500 Jahre zurück. Hinein nach Bayern, genauer gesagt in die fränkische Provinz, in eine Zeit von Herzögen, Hoffräuleins und Reichsrittern, eine Zeit, die von vielen Ängsten geprägt war. In einer Zeit, in der die Aufgaben von Frauen und Männern sehr klar festgelegt waren. In der nur wenige lesen und schreiben konnten. In eine Zeit, in der es aber auch rumorte: in der Gesellschaft, in der Kirche, an den Universitäten. Neue Ideen und Entdeckungen machten die Runde, der Buchdruck erlaubte die Vervielfältigung der Schriften des Mönches Martin Luthers aus Wittenberg, manche hatten sich dem sog. Neuen Glauben angeschlossen, es gab Auseinandersetzungen und Streit mit dem Kaiser, dem Papst und den sog. Altgläubigen.  

In dieser Zeit begegnet uns heute eine Frau, Argula von Grumbach, geb. von Stauff. 1492 geboren als Tochter eines Reichsfreiherren auf der Burg Ehrenfels im heutigen Beratzhausen kam sie als Hoffräulein an den Münchener Hof zur Herzogin Kunigunde. Dort lernte sie lesen und schreiben und erfuhr dort überhaupt eine außergewöhnliche Bildung. Ihr Bruder studierte zu dieser Zeit in Ingolstadt an der Universität – wissbegierig wollte Argula immer wieder von ihm hören, was es dort neues gab. Zu gern hätte auch sie studiert – doch Frauen gehörten damals nicht an die Uni.

Mit etwa 24 Jahren heiratete sie den fränkischen Reichsritter Friedrich von Grumbach, der Stadtverwalter in Dietfurt war. Vier Kinder bekam sie von ihm.

 

Doch neben ihren Aufgaben als Mutter und Ehefrau reiste, beobachtete und  las Argula viel: Sie beschäftigte sich intensiv mit der Bibel, hatte sie doch von ihrem Vater bereits eine deutsche Ausgabe geschenkt bekommen. Und sie las die Schriften von Martin Luther. Von sich selbst sagte sie, dass sie „von Dr. Martinus alles gelesen habe, was in deutscher Zunge ausgegangen sei“. Sie schrieb sogar Martin Luther direkt, dem großen Reformator, und hatte einen regen Briefwechsel mit anderen reformatorischen Theologen, wie  Andreas Osiander, Georg Spalatin und Paul Speratus.

 

Argula ist fasziniert von den Gedanken der Reformatoren: Die Rechtfertigungslehre, dass allein das Vertrauen auf Gottes Gnade, auf seine Zuwendung zu uns Menschen in Jesus Christus die Grundlage unseres Lebens ist, dass allein Gottes Kriterien gelten, im Leben wie im Tod – diese Einsicht hat nicht nur Luther eine große innere und äußere Freiheit geschenkt, sondern auch Argula von Grumbach. Dass vor Gott alle ebenbürtig sind – egal ob Mann oder Frau, dass wir Menschen unmittelbar mit Gott in Kontakt treten können und keinerlei Zwischeninstanz dazu nötig ist, hat dazu beigetragen, dass sich der Gleichheitsgedanke ausbreitete. In der Bibel, im Evangelium konnte Argula immer wieder davon lesen: von der Kraft Gottes, so nennt sie Paulus, die selig macht, die Leben schenkt, die uns Menschen verwandelt. So schreibt Paulus im Röm 1,15ff:

Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Die Bibel, das Evangelium, erzählt uns von dieser Gotteskraft . Eine Kraft, der wir anmerken, dass wir sie nicht mit eigenen Anstrengungen machen können. Das Evangelium erzählt uns davon, dass Gott sich uns bedingungslos zugewandt hat – uns seine Liebe in Jesus Christus gezeigt hat. Und dieser  Güte Gottes dürfen wir trauen. Ihr können wir uns anvertrauen – glauben.

 

Diese Kraft Gottes bewirkt eine ungeahnte Freiheit: Denn wenn ich daran glaube, darauf vertraue, dass allein Gottes  Gnade, seine bedingungslose Liebe, für mein Leben von Bedeutung ist, dann weiß ich mich frei. Frei vom Urteil anderer, frei von den eigenen Erwartungen, frei von Rollenzuschreibungen und den Festlegungen aufs GEschlecht und frei sogar von der Angst vor dem Tod.

Liebe Gemeinde – diese Kraft Gottes zu erfahren, diese Freiheit, das macht mutig. Und stark. Das lässt uns neu denken, Schritte wagen, die wir zuvor nicht gewagt hätten. Althergebrachtes über den Haufen werfen.

 

Das erfuhr Martin Luther, als er es wagte, seine Schriften zu verfassen, als er es wagte, vor dem Reichstag in Worms zu seinen Gedanken und zu dem, was er aus der Bibel erkannt hatte, zu stehen.

 

Das erfuhren auch manche Frauen damals zur Zeit der Reformation: Sie wagten es, ihre Ansichten über  Gott, die Welt und den Glauben öffentlich zu äußern. Machten sich frei von den geltenden Meinungen und Rollenzuschreibungen. Bedienten sich des eigenen Verstandes. Und suchten das alleinige Kriterium für ihr Denken und Handeln in den Worten der Bibel, der Schrift.

Auch Argula von Grumbach erfuhr diese Gotteskraft und die Freiheit, die ihr dadurch entstand – und sie lebte sie:

 

Im September 1523 wurde ein junger Theologiestudent, Arsacius Seehofer, weil er den reformatorischen Glauben anhing und Luther Schriften besaß, in den Kerker geworfen und sollte seine Aussagen widerrufen, sonst wäre er verbrannt worden. Anschließend wurde er ins Kloster Ettal verbannt.

Als Argula von diesem Vorgang hörte, empörte sie sich. Zwar rang sie mit sich, ob sie sich überhaupt zu Wort melden dürfe, weil doch Paulus geschrieben habe, dass „das Weib in der Gemeinde schweige“ – doch siegte ihr Mut aus der neu gewonnenen Freiheit, ihre Überzeugung, dass es nicht falsch ist, was Arsacius und auch Luther schreiben und denken. Zudem hat sie in der Bibel selbst von vielen Frauen des Alten und Neuen Testaments gelesen, die sehr wohl Stellung bezogen und sich eingemischt haben. Also setzt sie  sich hin und schrieb unter ihrem Mädchennamen von Stauff einen Sendbrief direkt an die Universität, mischt sich ein in die Politik und bietet den Gelehrten die Stirn. Sie war empört darüber, dass Arsacius widerrufen soll - obwohl an den Schriften Luthers nichts ist, was dem Wort Gottes widerspricht. So schreibt sie: Wenn ich das betrachte, erzittern mein Herz und alle meine Glieder. Was lehren Luther und Melanchthon anderes als das Wort Gottes? Ihr aber verdammt sie unüberwunden. (…) Über das Wort Gottes haben weder der Papst, Kaiser noch Fürsten zu gebieten. Ich bekenne aber bei Gott und meiner Seele Seligkeit: Würde ich Luthers und Melanchthons Schriften verleugnen, würde ich Gott und sein Wort verleugnen.“ (Sendbrief)

Argula stellte sich den Universitätsgelehrten sogar für ein Gespräch zu Verfügung: Ich scheue mich nicht, vor euch zu treten, euch zu hören, auch mit euch zu reden, denn ich kann auch mit Deutsch frage, Antworten hören und lesen, und zwar aus der Gnade Gottes. (…)Ich habe euch nicht weibische Dinge geschrieben, sondern das Wort Gottes als  Glied der christlichen Kirche.“ Was für ein ungewöhnliches Selbstbewusstsein, liebe Gemeinde! Eine gelebte Auslegung des paulinischen „ich schäme mich des Evangeliums nicht“.

 

Zeitgleich schrieb Argula auch noch an den Herzog Wilhelm IV. von Bayern, den sie noch aus Kindertagen kennt. Auch ihm schilderte sie die Vorgänge in Ingoldstadt, argumentiert, versucht ihn zu überzeugen, hier einzugreifen. Ein Brief an den Rat der Stadt Ingolstadt folget, sowie an den Kurfürsten Friedrich den Weisen.

 

Ihre Schreiben werden schnell vervielfältigt und veröffentlicht, geschätzte 30.000 Exemplare gibt es bald in Deutschland, viele Leute lesen diese Schriften und stimmen Argula zu. Doch Argula bekommt keine Antwort, weder von der Universität noch vom Herzog. Stattdessen wird sie mit Spottgedichten bedacht. Immerhin wird sie zum Nürnberger Reichstag eingeladen – doch auch hier nur zu einem Festmahl – ein Disput, ein Austausch von theologischen Argumenten darf sie nicht führen. Das wäre vermutlich unter der Würde der Kirchenmänner und Gelehrten gewesen.

 

Den weltlichen und kirchlichen Oberen allerdings wurde ihr wachsende Bekanntheit immer unangenehmer. Es lag ihnen viel daran, Argula zum Schweigen zu bringen. Und so wurde Druck ausgeübt: Ihr Mann verlor sein Amt als Stadtverwalter in Dietfurt – was dieser Schritt wohl für die Beziehung zwischen Argula und ihrem Mann bedeutete? Es wird berichtet, dass er selbst weiterhin dem katholischen Glauben anhing, und dass er sie seinen Zorn spüren ließ darüber, dass er Arbeitsplatz, sein finanzielles Auskommen und seinen guten Ruf verloren hatte. Argulas Verwandten wurde nahegelegt, Argula von Grumbach einzusperren. Sie zu ächten.

 

Anerkennung bekam Argula immerhin von Martin Luther, über die er schrieb: Die edle Frau Argula von Stauff kämpft in ihrem Land schon einen großen Kampf mit hohem Geist und erfüllt von dem Wort und der Erkenntnis Christi. Sie ist es wert, dass wir alle für sie bitten, dass Christus in ihr triumphiere. Sie ist ein besonderes Werkzeug Christi. Selbst von einem Besuch Argulas in späteren Jahren, 1530, bei Martin Luther auf der Veste Coburg wird berichtet.

 

Leicht hatte Argula es seitdem jedoch sicherlich nicht mehr in ihrem Leben. Nach 1524 verfasste sie keine Briefe oder Schriften mehr, nach dem Tod ihres Mannes heiratete sie zwei Jahre später einen Grafen von Schlick, der immerhin dem lutherischen Glauben anhing. Doch er starb nach 1 ½ Jahren.

Ihr selbst lag viel daran, ihre Kinder im evangelischen Glauben zu erziehen, und vermutlich baute sie auch evangelische Netzwerke auf, in denen Gruppen sich unterstützen und sich reformatorische Schriften weitergeben konnten.

Vermutlich 1554 starb sie im bayrischen Zeilitzheim.

(Der Student Arsacius, für den sie sich eingesetzt hatte, konnte später aus dem Kloster fliehen und arbeitete als protestantischer Lehrer und Pfarrer in Württemberg. Tod in Winnenden!)

 

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ – Ohne Rücksicht auf ihre Person, auf ihr Ansehen und mögliche Konsequenzen, überzeugt von der Wahrheit des Wortes Gottes – und ermutigt durch die Kraft Gottes, von allen Wenn und Abers befreit – so hat Argula von Grumbach  Partei ergriffen, und ist dafür eingetreten, dass Frauen und Männer in gleicher Weise von Gott sprechen können und auch sollen. Das hat ihr Anfeindungen von allen Seiten verschafft. Trotzdem blieb sie stark und hat an dem Wort Gottes festgehalten. Weil sie auch anderen vermitteln wollte: Wir alle leben aus der Gnade Gottes. Sie hat es ertragen müssen, verspottet zu werden, für unbequem oder dumm gehalten zu werden. – heute aber gilt sie als eine der „Auflagenstärksten Flugblattschreiberin im 16. Jahrhundert“, als eine Verfechterin der lutherischen Lehre in Bayern.

 

Die reformatorische Entdeckung der Freiheit aus dem Glauben und durch die Gnade Gottes hat Argula von Grumbach bewegt. Sie ist ihrem Glauben und ihren Überzeugungen gefolgt.

500 Jahre später staune ich, wie sehr diese Frau motiviert wurde durch ihr Bibelstudium, durch ihre Einsichten und die Kraft, die sie in ihrem Glauben fand. Welch eine Freiheit in ihren Schriften zu spüren ist, im Denken und Handeln.

Eine Freiheit, die Spuren hinterlassen hat in Argulas Leben, in ihrem Umfeld und der Kirchengeschichte Bayerns.

Eine Freiheit, die aus dem Glauben an das Evangelium von Jesus Christus entstanden ist.

Eine Freiheit, die immerhin mit dazu geführt hat, dass (wenn auch erst) 450 Jahre später die ersten Frauen Pfarrerinnen werden durften…

Auch in uns, liebe Gemeinde, hinterlässt diese christliche Freiheit Spuren. Ganz anders als Argula früher, sind auch wir heute, liebe Gemeinde, herausgefordert, diesem Glauben an das Evangelium nachzuspüren. Diese befreiende Kraft Gottes in uns zu entdecken. Den Mund aufzumachen – da, wo Menschen Unrecht widerfährt, wo Menschen diffamiert werden, platte Parolen uns einlullen wollen – wo die befreiende Kraft Gottes für alle Menschen niedergehalten wird.

Innerlich frei zu werden – von dem, was wir denken, was andere für Meinungen haben, von eigenen Ängsten, von gesellschaftlichen Zuschreibungen.

 

Dafür brauchen wir einander, als Gemeinde, um uns gegenseitig von der befreienden Kraft des Evangeliums zu erzählen. Eine Frau wie Argula von Grumbach kann uns dazu auch heute noch Mut machen.

Amen.