Manfred Bittighofer: Johannes Brenz

Liebe Gemeinde,

 

in dieser Predigtreihe erinnern wir uns an Persönlichkeiten, die wesentlich zum reformatorischen Geschehen gehören, aus der unsere evangelische Kirche hervorgeht. Es ist gut, sich an Geschichte zu erinnern, denn daraus kann man für die Gegenwart lernen wie auch für die Herausforderungen unserer Zeit.

Heute geht es um Johannes Brenz, den Reformator unserer württembergischen Kirche. Ich halte ihn neben Martin Luther für einen der großen Reformatoren.

 

(Hinweis: Katechismus - „Die Taufe ist ein Sakrament und göttlich Wortzeichen“ - ebenso beim Hl. Abendmahl sind seine Formulierungen die in genialer Weise Glauben und Wort mit dem Zeichen des Sakramentes zusammen bringen.)

 

Über sein Leben, sein Wirken und seine bleibende Bedeutung für unsere Kirche wollen wir jetzt nachdenken - freilich, das kann in einer Predigt nur sehr begrenzt geschehen.

Johannes Brenz wurde am 24. Juni 1499 in Weil der Stadt geboren. Sein Vater Martin Hess war ein angesehener Bürger, Schultheiß und Richter in der damals wohlhabenden freien Reichsstadt. Er führte neben seinem Namen auch den Namen seiner Frau, einer geborenen Brenz. Johannes hat den Namen seiner Mutter angenommen. (Dass die Familie Hess-Brenz vornehm und wohlhabend war, zeigt sich auch darin, dass sie ein Familienwappen führte und dass sie ihren drei Söhnen ein Studium ermöglichen konnte).

Mit 11 Jahren ging Johannes auf den Lateinschule nach Heidelberg. Im Jahre 1514, im Alter von 15 Jahren, immatrikulierte sich Brenz an der Universität Heidelberg. 1518 hat er das Studium der Theologie mit der Magisterprüfung abgeschlossen. In Heidelberg lernte er Philipp Melanchthon kennen. Seine wohl wichtigste Begegnung war die mit Martin Luther, die ihm auch die Teilnahme an der Heidelberger Disputation ermöglichte, bei der Luther seine 95. Thesen verteidigte. Für Brenz entstand eine lebenslange Verbundenheit mit Martin Luther. Auch beim Marburger Religionsgespräch 1529 war Johannes Brenz dabei.  Von Luther ist bekannt, dass er unter seinen zahlreichen Mitstreitern Johannes Brenz besonders hoch schätzte: Während Luther seinem Temperament entsprechend poltern konnte bezeichnete er ihn einmal als „Meinen Mann für das Feine“. Von der Heidelberger Disputation an lag Brenz daran, den Einfluß Luthers in Süddeutschland zu sichern.

Ein neuer Abschnitt begann für Johannes Brenz, als er 1522 vom Rat der Stadt Schwäbisch Hall als Prädikant (Prediger) an die Kirche St. Michael berufen wurde. Die Mönche, die das Priesteramt an den Kirchen wahrgenommen haben, hatten nur eine geringe theologische Bildung. Sie feierten in der Regel die Messe und lasen legenden von Heiligen vor. Und so kam es dazu, dass vor allem in freien Reichsstädten der Rat der Stadt für Prediger sorgte, um das gottesdienstliche Leben zu fördern. Es war also nicht die Kirche, sondern kommunale Gremien, die hier Position bezogen. Diese Prädikanten waren die Initiatoren und Träger der reformatorischen Bewegung. Als solcher wirkte Johannes Brenz 26 Jahre in Schwäbisch Hall, wo er „vorsichtig und allmählich“ die Reformation durchführte. Der katholische Pfarrer an der Katharinenkirche Michael Gräter sagte nach einer Predigt von Brenz: „Er hat mich gleich vom Papsttum weg zum gnadenreichen Evangelium gebracht und mit Unterweisung väterlich getan und mir die höchsten Guttaten erzeigt.“ Dabei muss ausdrücklich betont werden, dass Brenz nicht an eine Trennung von der Kirche dachte, wohl aber an ihre notwendige Erneuerung. Doch genau das verweigerte die damals herrschende Kurie mit dem Papst.

Brenz war ein Mann des bedachten, behutsamen Vorgehens wie auch der Rücksichtnahme auf hergebrachte, im Volk verwurzelte Traditionen. Theologisch konsequent folgte er der Richtung die Luther, gestützt auf den Apostel Paulus, vorgegeben hat: nicht durch fromme Werke, sondern allein aus dem Glauben an die Rechtfertigung des Sünders durch Kreuz und Auferstehung Christi kann, ein Mensch vor Gott gerecht werden. „Glauben“ war für ihn das Vertrauen in die Liebe Gottes, die in Jesus Christus offenbar geworden ist.

Eines der frommen Werke, die nach katholischer Lehre zur Gerechtigkeit vor Gott führen, ist die Verehrung der Heiligen. Damit sollen die Heiligen bewogen werden, für den armen, reumütigen Sünder Fürbitte zu tun, indem sie aus dem unerschöpflichen Schatz ihrer guten Werke etwas für den armen Sünder abgeben. Durch dieses Abgeben – so war damals die Vorstellung – reichte es auch den „normalen“ Frommen in den Himmel.

Und jetzt sehen wir, wie Brenz damit umgegangen ist. Am 25. Juli 1523, dem Tag des Hl. Jakobus, strömte das Volk zum Jakobimarkt, den es übrigens heute noch gibt. (Allerdings findet heute kein Gottesdienst mehr statt.) Brenz nutzte diesen Anlass zu einer Predigt über die Verehrung der Heiligen. Dabei sagte er, an sich ist die Heiligenverehrung nicht verwerflich, aber es sei unnötig, die Heiligen um Fürbitte anzurufen, denn allein der Glaube an Jesus Christus macht einen Menschen vor Gott gerecht - nicht die Fürbitte der Heiligen. Und dann führte er der Gemeinde eine Art Heiligenverehrung vor Augen, die an Aktualität bis heute nicht überboten ist - Zitat: „Mit Geld, Hilfe oder anderem musst du die jetzt lebenden Heiligen verehren, welches arme, bedürftige, unterdrückte Leute sind. Vollbring' den Willen Gottes, so hast du das ganze himmliche Heer der Heiligen verehrt!“ Die aus dem Glauben erwachsende Liebe zum Mitmenschen, zum notleidenden, kranken, hungrigen Nächsten, die in der helfenden Tat sichtbar wird, das war für Brenz das Vollbringen des göttlichen Willens.

Glauben und lieben, das sind für ihn die zentralen Merkmale eines Christenlebens. Seine erste Kirchenordnung von 1527 für Schwäbisch Hall beginnt mit den Worten: „Es sind allein zwei Ding und wesentliche Stück des Gottesdienstes einem jeglichen Christen nötig. Nämlich glauben und lieben. Glauben gegen Gott, lieben gegen den Nächsten, die zwei Ding sind also notwendig zur Seligkeit, das ein Christ schuldig ist sie zu halten, wann er mitten in der Türkei wohnte ...“. Also für heute übersetzt – egal wo ein Christ sich auf der Welt befindet, Er soll Christus bekennen vor den Menschen und den Menschen lieben in dem er ihm beisteht wie es seinen Kräften möglich ist.

Über die wichtigsten Aufgaben der Kirche schreibt er: „Nun hat Christus vornehmlich drei Stück befohlen, die in seiner Kirche auszurichten sind: nämlich das Evangelium predigen, Taufen und das Nachtmahl (Das Abendmahl, die Eucharistie) nach seinem Aufsatz zu halten.“

Diese Konzentration des Auftrags der Kirche auf die wesentlichen Inhalte des Glaubens zeigt die theologische Grundausrichtung von Johannes Brenz.

Und wir sehen bei ihm auch: Brenz wollte nicht einfach Altes abschaffen, ohne Neues einzubringen. Das Neue hat er den Menschen nicht aufgezwungen, sondern angeboten. So hat er in seiner ersten Haller Kirchenordnung die (katholische) Messe nicht einfach abgeschafft, sogar die lateinische Sprache hat er beibehalten, nur die Einsetzungsworte „Nehmet hin ... das ist mein Leib, ... das ist mein Blut ...“ mussten deutsch gesprochen werden, damit alle sie verstehen konnten. Vermutlich an Weihnachten 1526 feierte er mit seiner Gemeinde das erste evangelische Abendmahl in St. Michael. „Vorsichtig und allmählich“, mit großer Behutsamkeit führte er die neue Lehre und die neue Gottesdienstform ein. So blieben auch die Altäre und Bilder in den Kirchen unangetastet. Er respektiere es, dass die Altäre und Heiligenbilder bisher den Menschen viel bedeutet hatten. Übrigens: 1537 nahm Johannes Brenz am sogenannten „Götzentag“ in Urach teil. Herzog Ulrich wollte ein Bilderverbot durchsetzen, was ihm auch gelang, aber glücklicherweise wurde es nicht konsequent durchgeführt. Brenz meinte dazu: „Es sei besser, wenn die jungen Burschen während der Predigt die Bilder ansehen und nicht 'die Jungfrauen als lebendige Götzen' angucken.“ Seine Haller Kirchenordnung war nicht nur von seiner theologischen Überzeugung geprägt, sondern Brenz sah auch die Notwendigkeit der Bildung des Volkes. Reformation und Bildung gehören zusammen. So forderte er u.a. Schulpflicht für Buben und Mädchen (Einrichtung von Mädchenschulen). Jeder Christ soll die Bibel selbst lesen können und unabhängig sein von der Vermittlung durch die Kirche. Zitat: „Die Heilige Schrift gehört nicht allein den Männern.“ Und noch eines: „Wer lesen, rechnen und schreiben kann, ist frei!“ Weiter gehörte dazu die Ordnung der Armenpflege. Wer in Not geraten ist, braucht Hilfe für einen neuen Anfang. In den Jahren der Bauernaufstände nahm er vermittelnd Einfluss. In einer grundsätzlichen Untersuchung erörterte er sogar das Widerstandsrecht der Untertanen gegen die Obrigkeit und kam zu dem Ergebnis: Widerstand ist geboten, wenn die Obrigkeit die Gebote Gottes missachtet. Dazu gehörte viel Mut in der damaligen Zeit.

Ein harter Einschnitt in das Leben von Johannes Brenz war die vernichtende Niederlage der Evangelischen in der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe am 24.04.1547. Kaiser Karl V. nützte diesen Sieg und verfügte ein „Interim“, also eine Zeit, in der die katholische Kirchenordnung wieder hergestellt werden soll. An seinem Geburtstag am 24. Juni 1548 wurde ihm ein Zettel zugesteckt, auf dem stand: „Domine Brenz, cito fuge, fuge!“ (Herr Brenz, fliehe schnell, fliehe!“) Ohne sich von seiner Frau, die schwer krank war und während seiner Flucht starb, und von seinen Kindern verabschieden zu können, floh Brenz. Seine Flucht und sein Erleben dabei zu schildern, wäre ein besonderes Thema, das müssen wir aus Zeitgründen jetzt aus der Predigt weglassen. Die Flucht endete mit einem neuen Auftrag. Nach Beendigung des „Interims“ wurde Johannes Brenz im August 1552 von Herzog Christoph als „Rat für der kürchen geschefte“ (Berater in kirchlichen Angelegenheiten) in die Regierung berufen und gleichzeitig wurde er Stiftspropst an der Stuttgarter Stiftskirche. Jetzt stand Johannes Brenz nochmals - wie schon in Schwäbisch Hall - vor der Aufgabe, eine noch in den Anfängen stehende Kirche innerlich und äußerlich zu gestalten und aufzubauen, ihr Richtung und Weg zu weisen. Er war als geistliche und politische Autorität so anerkannt, dass sein Wort und sein Argument genügten, die Dinge auf den richtigen Weg zu bringen.

Dazu gehörte vor allem die „Große Württembergische Kirchenordnung“, die Herzog Christoph 1559 erlassen hat. Sie war die eine Ordnung des bürgerlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens.

(Beispiele: „Armenkasten“ in jeder Gemeinde; Schulpflicht für Buben und Mädchen im Herzogtum; keine Gewalt in Glaubensfragen, die „Täufer“ wurden nicht mit dem Tode bedroht; Brenz: bei Anklage wegen „Hexerei“ braucht man

einen Pfarrer und einen Arzt, aber keinen Henker. Hier wird der Einfluß des Humanismus deutlich. Ein Pfarrer konnte „renitente Eheleute bis zu drei Tagen einsperren, damit sie wieder zur „Vernunft“ kommen).

Zuvor schon verfaßte Brenz die „Confessio virtembergica“ (das Württ. Glaubensbekenntnis), für das Konzil in Trient; als Johannes Brenz mit weiteren Theologen 1552 dort eintraf, kamen sie nicht zu Wort. Die Kirche wollte sich nicht erneuern und reformieren lassen. Die „Confessio Württembergica“ ist eine bis heute in unserer Kirche geltende Bekenntnisschrift. Sie ist das einzige lutherische Bekenntnis der Reformation, das ein eigenes Kapitel über die Heilige Schrift enthält. Und es verzichtet auf jedes „Verdammungsurteil“, weil Johannes Brenz der Auffassung war, dass man in strittigen Glaubensfragen einander nur auf die Art und Weise näherkommen kann, wenn man nicht das Trennende in den Vordergrund stellt, sondern das Gemeinsame. Das ist also nicht nur eine Erkenntnis in unserer Zeit, wie gerne behauptet wird; für Brenz war das bereits eine Selbstverständlichkeit.

Wenn wir das Reformationsjubiläum 2017 feiern, dann gehört es wohl bei uns in Württemberg dazu, Johannes Brenz nicht zu vergessen, von dessen theologischem Denken und praktischen Wirken wir wohl lernen können. (Die Bedeutung von Johannes Benz ging weit über Württembeg hinaus. Die Württ. Kirchenordnung bekam die Rolle eines Vorbildes, eines Musters, und wurde in zahlreichen Ländern und freien Reichsstädten übernommen. Gefragt waren Gutachten von Brenz zur Reform der Schulen und Universitäten ebenso für die Durchführung von Visitationen.)

Johannes Brenz starb am 10. September 1570 in Stuttgart. Sein Wunsch war, unter der Stiftskirchenkanzel bestattet zu werden, hatte er doch hier die ihm wichtigste Aufgabe der Kirche wahrgenommen: das Predigtamt. Jakob Andreä gegenüber, dem Kanzler der Tübinger Universität, bemerkte Brenz: hier wolle er darüber wachen, dass von dieser Kanzel für immer die wahre biblische Lehre verkündigt werde. (Dazu gibt es jene Anekdote: Brenz habe weiter gesagt: Sollte das nicht geschehen, dann käme er heraus und würde dem Prediger zurufen: „Du lügst!“). VERBUM DOMINI MANET IN AETERNUM. „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“ - so steht es im Gedenken an den Beginn der Reformation in Württemberg an der Außenwand der Stiftkirche in Stuttgart. Das ist die Einladung, an jedem Tag, der für uns anbricht, neu mit Gottes Wort zu leben. Und damit einher geht die Eindeutigkeit, allein Jesus Christus zu vertrauen - so wie es in Fortsetzung der Bekenntnisse der Reformation die Theologische Erklärung von Barmen 1934 zum Ausdruck bringt:

Jesus Christus spricht: Ich in der Weg, die Wahrheit und das Leben: niemand kommt zum Vater denn durch mich. „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“           Amen

 

Es gilt das gesprochene Wort